499. Vorlesung am 24.04.1929

Wien
24.04.1929

[Karl Kraus las im Architektenvereinssaal am] 24. April, ½8 Uhr:

Nestroy: Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab.
Musik von Mechtilde Lichnowsky.

Begleitung: Georg Knepler.

[Die Fackel 811-819, 08.1929, 35] - zitiert nach Austrian Academy Corpus

Programmzettel

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Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab

Parodierende Posse mit Gesang in drei Abteilungen von Johann Nestroy

Musik von Mechtilde Lichnowsky

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Begleitung: Georg Knepler

Die erste überaus erfolgreiche Aufführung der Parodie hat am 13. Februar 1835 stattgefunden; sie dürfte aber bald nach dem Original Holteis und nach dessen Gastspiel in der Rolle des Dichters Heinrich vom Wiener Repertoire verschwunden sein. Freilich hat Holteis »Lorbeerbaum und Bettelstab« wie jede solche Schablone für schauspielerisches Pathos gelegentlich noch große Darsteller und Virtuosen, von Emil Devrient bis Haase und Sonnenthal, angezogen und sich auch in der Provinz erhalten. Wenn man heute als Leser die Wahl hat, dieses Rührstück eines der bravsten Menschen und schlechtesten Musikanten jener Literaturepoche oder die Nestroy’sche Posse für eine Parodie zu halten, so würde man glauben, jenes sei sie. Nicht mit Unrecht sagt ein Monograph, daß Nestroys Dichter Leicht »weniger eine Karikatur des Originals als vielmehr ein bis ins Zynische getriebenes Gegenstück« sei. Nestroy hat dem Jammerlappen, dessen »Genie« darin besteht, daß er es behauptet und gegen die Banalität einer undankbaren Welt mit seinem banaleren Begriff von Poetentum und mit unleidlicher Schönrednerei auftrumpft, ganz bewußt seinen resoluten Theaterhandwerker und späteren Harfenisten entgegenstellt und die Beziehung auf die Vorlage eigentlich nur in der gesellschaftlichen Reduzierung des Milieus durchgeführt. »Wollen Sie mich foppen? Oder halten Sie mich wirklich für so dumm? Bis zum Lorbeer versteig’ ich mich nicht. G’fallen sollen meine Sachen, unterhalten, lachen sollen d’ Leut’, und mir soll die G’schicht a Geld tragen, daß ich auch lach’, das ist der ganze Zweck. G’spaßige Sachen schreiben und damit nach dem Lorbeer trachten wollen, das ist grad so, als wenn einer ein’ Zwetschgenkrampus macht und gibt sich für einen Rivalen von Canova aus.« Wenn diese berühmt gewordenen Worte des Leicht wirklich ein Selbstbekenntnis seines Autors waren, so konnte Nestroys Bescheidenheit, der man zwar die künstlerische Geringschätzung des eigenen Wirkens, aber nicht dessen materielles Motiv glaubt, nur von seinem Genie übertroffen und berichtigt werden, das sich auch im Dialog dieses unbekannteren Werkes nicht verleugnet. Die Figuren sind ganz losgelöst von ihrer Beziehung verständlich, zumal der dem weltgewandten »Chevalier« Holteis kontrastierte Herr Überall, der grundsätzlich nur nach Fischamend reist und alle Geschehnisse aus der Perspektive dieses Ortes betrachtend, das Urbild eines geradezu liebenswerten Idiotismus vorstellt. - -

Von der Musik Mechtilde Lichnowskys war gesagt, sie gebe eine verschollene Zeitstimmung so wieder, »daß man sich die verschollene Originalmusik gar nicht anders und nicht zeitechter denken könnte«. Das war insofern unrichtig, als sich herausgestellt hat, daß die Müller’sche Partitur im Archiv der Stadt Wien vorhanden ist. Es hat sich aber auch die Berechtigung des Lobs der neuen Musik auf einen Grad ergeben, daß ihr sogar der Vorrang der Zeitechtheit gebührt. Eine der infamen Kritiken, die fast jedes neue Werk Nestroys begleitet haben, scheint darin nicht zu sehr abzuirren, daß sie von einer Komposition spricht, die »selbst dem Mißlungensten dieses Faches würdig nachstrebt, etwa mit Ausnahme des Liedes ‚O Agnes!‘ im ersten Finale«. Es hat sich gezeigt, daß für die vorgetragenen Werke Nestroys die musikalische Erneuerung zwar nicht wegen einer Verschollenheit der Partituren, aber wegen deren Minderwertigkeit geboten war — mit Ausnahme der prächtigen Musik, die »Lumpazivagabundus«, »Der konfuse Zauberer« und teilweise »Judith und Holofernes«, »Die schlimmen Buben« und der »Talisman« hatten.

Das Fischament-Couplet im II. Akt enthält diesmal eine dritte Originalstrophe, die in der Rommel’schen Ausgabe steht und in der nur — neben geringfügiger Redigierung — der Name des zeitgenössischen Nordpolfahrers ersetzt wurde. Aus dem neuen Druck werden auch Strophenteile für die Ballade im III. Akt verwendet.

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