673. Vorlesung am 26.11.1934

Wien
26.11.1934

[Karl Kraus las im Mittleren Konzerthaussaal am] 26. November:

Das Wintermärchen

[Die Fackel 909-911, 05.1935, 3] - zitiert nach Austrian Academy Corpus

Programmzettel

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THEATER DER DICHTUNG

Das Wintermärchen

Schauspiel in fünf Aufzügen von Shakespeare
nach der Übersetzung von Dorothea Tieck bearbeitet, teilweise sprachlich erneuert von Karl Kraus

Personen:

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Nach dem 3. Aufzug eine Pause

Musik und Begleitung: Franz Mittler

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Einige Hörer haben den folgenden, eingeschriebenen Brief abgesandt:

Wien, 9. November 1934

Sehr geehrte Redaktion der ‚Reichspost‘!

Sie schrieben in der Nummer vom 1. November:

„Ernst Reinhold ist eine einmalige und völlig einsame Erscheinung in unserem Kunstleben. Er unternimmt und vollbringt, was niemand vor ihm vollbrachte: Er „spielt“ als einzelner Mensch auf einer mit Tüchern verspannten, also auf jeden Kulissenzauber verzichtenden Bühne die gewaltigsten Dramen Shakespeares. So sahen und hörten wir von ihm schon dargestellt: ‚König Lear‘, ‚Richard III.‘, ‚Othello‘ und nun (im Josefstädter Theater) auch noch ‚Macbeth‘.“

Ohne uns in eine Kritik der Darbietungen des Herrn Reinhold nach Wert und Wirkung einzulassen, wollen wir nur dem in den oben wiedergegebenen Worten behaupteten Sachverhalt von der Einmaligkeit oder Erstmaligkeit des Vortrages von Shakespeare-Dramen durch einen Einzelnen entgegnen. Wir dürfen hoffen, daß Sie dieser Richtigstellung umso eher Raum geben werden, als die ‚Reichspost‘ selbst am 15. März 1912 anläßlich des Beginnes der Vorlesetätigkeit von Karl Kraus die (die liberale Presse charakterisierenden) Worte fand: „Schweigen war nunmehr Pflichtversäumnis, Unanständigkeit, Ignorieren eine Spekulation auf die Ignoranz“. Sie haben sich damals zum erstenmale (und in der Folge noch oft) gerade mit „dieser einzigartigen Erscheinung“ auseinandergesetzt und die Vorlesungen „ein Lokalereignis“ genannt, an dem „eine Tagespresse, die auch nur eine unbefangene Chronik des täglichen Geschehens zu liefern vorgibt“, „nicht mehr stumm vorübergehen kann“.

Tatsache ist, daß Karl Kraus in seinem „Theater der Dichtung“ — nach den ursprünglichen Vorlesungen einzelner Akte — seit dem 24. Mai 1916 nicht weniger als 13 Dramen von Shakespeare, wie aus der Programm-Statistik hervorgeht, zusammen 67mal, vor zehntausenden von Hörern in Wien, in andern Städten Österreichs, Deutschlands, der Tschechoslovakei, Frankreichs und Jugoslaviens vorgetragen hat — in der Tat als einzelner Mensch auf dem auf jeden Kulissenzauber verzichtenden Podium eines Vortragssaales oder Theaterraums —, in Wien zuletzt einen Zyklus von 13 Abenden zu Beginn des Jahres 1933, und daß er eben jetzt wieder solche Vorlesungen für den 19. ds. (‚Macbeth‘) und 26. ds. (‚Das Wintermärchen‘) angekündigt hat.

In der Überzeugung, daß Sie dieser Wahrheit die ihr gebührende Ehre nicht vorenthalten werden, zeichnen wir im Namen zahlreicher Hörer und Leser, denen die Unstimmigkeit aufgefallen ist, mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung

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Diese Überzeugung war so irrig, daß ihr sogar die Ehre einer Antwort vorenthalten wurde. Immerhin hat das unabhängige Tagblatt für das christliche Volk am 17. November die Vorlesung des »Macbeth« mit dem vorangesetzten Zeichen des Kreuzes angekündigt. Und am 25. November, gestern, ist mitten in der Theaterrubrik gar das Folgende erschienen:

+ Mittlerer Konzerthaussaal. Morgen, Montag, ¼8 Uhr: „Das Wintermärchen“, 69. Shakespearevorlesung Karl Kraus. Er unternimmt und vollbringt, was niemand vor ihm (außer Tieck) vollbrachte: Er „spielt“ als einzelner Mensch auf einer, auf jeglichen Kulissenzauber verzichtenden Bühne die gewaltigsten Dramen Shakespeares. (Wenige restl. Karten bei Lanyi Kärntnerstraße 44. Kartenverkauf auch Sonntag.)

Und man hatte schon geglaubt, die Reichspost wäre um keinen Preis dazu zu bringen, der Wahrheit die Ehre zu geben!

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