Rezension der Innsbrucker Nachrichten

Stürmischer Verlauf des ersten Karl Kraus-Abends in Innsbruck.

Im Musikvereinssaal trat gestern Karl Kraus, der Herausgeber der »Fackel«, an das Vortragspult. Nach den Stimmen seiner Anhänger ist Kraus eine ungewöhnliche Individualität, die mit der Waffe einer eigenen, scharf ausgeprägten Sprache in unbestechlicher Wahrheitsliebe den Kampf führt gegen Lüge und Schein, wo immer sie sich zeigen. Den Krieg soll Kraus als erster und einziger in seiner nackten Furchtbarkeit und Unmenschlichkeit erkannt und unerschrocken verdammt haben. Was wir gestern von Karl Kraus gehört, klang anders. Zwar riß der meisterhafte Vortrag einzelner Szenen und Monologe aus der Kraus’schen Dichtung »Die letzten Tage der Menschheit« hin. Wir anerkannten die plastische Kraft des Ausdruckes, der den Krieg mit Namen nennt, die uns wohl selbst oft heimlich aufgeleuchtet, die aber kaum je zum Worte sich verdichtet. — Doch schon die folgenden humoristisch-satirischen Streiflichter flammten weniger hoch. Im Stil der »Jugend«, »Simplicissimus«, wohl auch der »Muskete« griff Kraus pikante Offiziersanekdötchen auf, spitzte sie zu scharfer Pointe und erregte durch ausgezeichnete Vortragsweise, Mundart und Dialog viel Heiterkeit.

Mit einem Ruck aber streifte Kraus die Maske des Satirikers ab, als er in einer Szene Wilhelm II. im Verkehr mit seinen Generälen charakterisierte. In einer nicht wiederzugebenden Art schuf Kraus ein Zerrbild des deutschen Kaisers und seiner Umgebung, das den Ekel und Abscheu jedes gesund Empfindenden erregen mußte. Das Publikum hielt denn auch seine Empörung nicht mehr zurück, verschiedene Besucher verließen während der Vorlesung den Saal, nach dem Vortrag erschollen aus dem Saal und von der Galerie laute heftige Pfuirufe, die den Redner minutenlang am Weiter- lesen hinderten. Nachdem Ruhe eingetreten, beschloß Kraus seinen Abend mit einer in gehobenem Pathos vorgetragenen Fluchrede eines sterbenden Soldaten gegen den Kaiser.

Karl Kraus weiß ebenso, wie wir alle, daß die tiefsten und letzten Ursachen des Krieges in keiner einzelnen Persönlichkeit, auch nicht in der des deutschen Kaisers liegen.

Man kann über die Person Wilhelm II. verschiedener Meinung sein, doch so gerecht und billig denkend müssen wir auch sein, seinen redlichen Willen anzuerkennen und ihm die menschliche Achtung im Unglück nicht zu versagen. Karl Kraus aber hat in seiner Darstellung, die das Brandmal einer gewissen Absicht unverkennbar an der Stirn trägt, der Wahrheit keinen Dienst geleistet. Kulturarbeit, die mit Niederreißen und Begeifern einsetzt, die ätzendes Gift in die Wunden unserer Zeit gießt, kann uns nicht frommen. Wir lehnen eine »Aufklärung«, die mit solchen Mitteln arbeitet, entschieden ab. Karl Kraus darf sich nicht wundern, daß in dem deutschen Innsbruck seine Ausführungen nicht unwidersprochen geblieben. Zu all unserem Unglück wollen wir nicht noch verhöhnt und mit Kot beworfen werden. — Es müßte kein Funke gesundes Empfinden, kein deutscher Herzschlag mehr in uns sein, wenn wir solcher Art nicht entschiedenst entgegentreten würden. Wenn Karl Kraus uns nichts Besseres und Tieferes zu sagen hat, dann bedürfen wir seiner nicht.

K. P.

[Innsbrucker Nachrichten, zitiert in: Die Fackel 531-543, 04.1920, 46-47] - zitiert nach Austrian Academy Corpus

Datum: 
05.02.1920