Rezension des Berliner Börsen-Courier

Der Vorleser Karl Kraus ist eine notwendige Ergänzung und Fortsetzung des Schriftstellers. Die Energie, die seiner Satire den Ausdruck gibt, das Temperament, das seinem Pathos die Schwere und Dicke fernhält, stehen hinter seinem rezitatorischen Vortrag und nehmen ihm, gerade wenn Kraus sich selbst liest, alles kleinlich Propagandistische und aufdringlich Agitatorische. Kraus bleibt hell, scharf, präzise, plastisch. Er hat nicht die Eitelkeit des Schriftstellers, der seinem geschriebenen Wort als Vorleser damit zu dienen glaubt, daß er es unberührt läßt und ohne mimische Unterbrechung als Klang und logisches Zeichen dem Zuhörer einhämmert. Dem Wesen der Sprache tiefer vertraut, trägt Kraus das Bewußtsein des Unterschiedes zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort als Erlebnis in sich und die konzentrierte Formulierung seiner satirischen Kapitel ist ihm nicht Hindernis, sondern Anreger, die Sätze aufzulösen und noch einmal aus einer mimischen Improvisation heraus entstehen zu lassen. Wir erleben das Wunder: ethischer Wille und geistige Leidenschaft als schöpferische Kräfte einer schauspielerischen Kunst.

Die mimische Phantasie des Karl Kraus gestaltet die schriftstellerisch schon auf einen letzten Ausdruck gebrachte Situation noch einmal und führt sie mit derselben Intensität und satirischen Tendenz weiter. Es ist genial, wie Kraus ein veröffentlichtes Interview mit Bethmann Hollweg auf dem Anhalter Bahnhof pantomimisch illustriert, wie er bei den aus dem Zuge heraus gesprochenen Worten des Reichskanzlers die Hand als Sprachrohr an den Mund legt und damit den Augenblick ironisiert: der Sprecher muß sich im Lärm des Bahnhofs verständlich machen; und gleichzeitig die Verdickung solcher Zweckgespräche preisgibt: der Redner spricht für ein riesenhaftes Zeitungspublikum, das wir als Zuhörer vor ihm sehen; und schließlich den Berichterstatter polemisch trifft: dieser verdeutlicht die Worte noch einmal, damit sie auch die Galerie hört. Wie Kraus hier mit einer einzigen Gebärde die Leserschaft eines großen Blattes als Massenansammlung beschwört, so gelingt es ihm oft, durch einen Tonfall Worte und Einrichtungen zu entwerten. Er sagt: »Heilbäder«, und wir lachen. Er hat eine unnachahmliche sanfte Bosheit für das Wort »Lebensmittelkarten-Abmeldeschein«, und es erscheint uns als Gespenst. Er hat eine plastische Ironie des österreichischen Dialekts, die den Staat lebendig macht. Und das Meisterhafte ist, daß Kraus, mag er »K. u. K.« sagen oder einen Diplomaten reden lassen, niemals karikiert, sondern mit
einer instinktiven und zugleich bewußten Sicherheit des künstlerischen Taktes die Satire aus dem Wesen der Sprache zieht, und Menschen und Dinge von ihrem eigenen Charakter verhöhnen läßt. Darum führt ihn keine Gebärde zu weit, und jeder Schlag der geöffneten oder geballten Faust, jedes Ausholen und fechtende Vorstoßen des Armes, wie jedes lässige Spielen mit dem beweglichen Handgelenk sind verbunden mit der Tendenz, die der Vorgang selbst in sich hat. Und diese sachliche Energie ermöglicht es Kraus, umzuschlagen und ohne Riß aus dem Witz den tragischen Ernst zu entwickeln. Er hat eine solche Leidenschaft des Wortspieles und einen solchen Fanatismus der rezitatorischen Wiedergabe, daß die ironische Pointe notwendig diese Steigerung fordert, und daß das einzelne Wort fähig gemacht wird, Perspektiven des Grauens und des Leidens zu erschließen.

Diese tragische Kraft legitimiert erst die Satire des Karl Kraus. Und die innere Verbundenheit des Rezitators mit dem Schriftsteller macht es notwendig, daß Kraus fremde Dichtungen, wie Nestroys »Beide Nachtwandler« nicht mimisch erlösen kann. Die geistige Leidenschaft, die ihm als gestaltende Kraft aus dem eigenen Werk zuströmt, trägt er in das fremde hinein und wird dort, was er bei sich selbst vermeidet: Werbend und agitatorisch.

Die Bemerkung über den Nachtwandler-Vortrag ist grundfalsch. Die Taubheit der Berliner Hörer für Nestroy, der der Vorleser diesen Genius allerdings aufgedrängt hat, wird hier mit der Stummheit einer Kraft verwechselt, die gerade den Berlinern durch »Timon« und »Hannele« bewiesen hat, daß sie fremde Dichtungen sehr wohl mimisch erlösen kann. Hätte der Kritiker diese durchschlagenden Beweise erlebt und sich nicht mit dem Eindruck des ersten Vortrags begnügt, so hätte er nicht aus diesem den rein intellektuellen Fehlschluß auf eine agitatorische und darum versagende Absicht geschöpft, sondern mit der Fähigkeit der Beobachtung, die er an dem lebendigen Vortrag der »Eigenen Schriften« bekundet, erkannt, daß dieselbe Kraft noch weit unmittelbarer den fremden Dichtungen zugute komme. Der Vorleser, der darüber schließlich auch ein Urteil hat, muß bekennen, daß ihm als Hörer sein Vortrag der einzigartigen Nestroy’schen Nachtwandler hundertmal erquicklicher ist als die Darbietung jedes eigenen Werkes, welche vor einer stofflich befangenen und häufig unerfreulichen Menge immer wieder eine Überwindung des Schamgefühls kostet, die aber nicht immer gelingt.

[Berliner Börsen-Courier, 09.05.1918, zitiert in: Die Fackel 484-498, 15.10.1918, 144-146] - zitiert nach Austrian Academy Corpus

 

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Datum: 
09.05.1918